Die Pfadarbeit – Lesungen von Eva Pierrakos

Zwischen den Jahren 1957 – 1979 sprach Eva Pierrakos 258 Lesungen/Lectures

Sie versetzte sich dafür in Trance und sprach die auf Tonband aufgenommen Lesungen. Eva Pierrakos hat diese Texte nicht als ‚ihre‘ Texte angesehen. Sie diente als Medium für ein Geistwesen, das durch sie sprach und ohne Namen als ‚Guide‘ bezeichnet wurde.

1969 lernte sie John Pierrakos kennen, mit dem sie von 1972 bis zu ihrem Tod 1979 verheiratet war. John Pierrakos hatte als Schüler Wilhelm Reichs zusammen mit Alexander Lowen die Bioenergetik als körperorientierte Psychotherapie entwickelte. In Anlehnung an ihre Lesungen formte er ab 1979 die Bioenergetik um und entwickelte die Core Energetik.
In der Core Energetik wirken die Lesungen von Eva Pierrakos als perspektivisch-theoretischer Überbau der körperlichen Praktiken und der körperorientierten Therapie. Sie stellen eine Anleitung zu einer spürenden, tastend-erforschenden Selbstwahrnehmung dar. Diese Herangehensweise an die eigenen Seele kann in Verbindung mit der Körperarbeit auch zu gefühls- und mental-orientierten Trance-Reisen genutzt werden.

Als ich die Lesungen von Eva Pierrakos kennenlernte (1999), hatte ich schon jahrelange Erfahrungen mit tiefenpsychologischen Texten. Ich kannte die theoretischen Texte von Freud, Reich und anderen wie auch die pragmatischeren Texte von Lowen, Kurtz und Prestera. Das erste für mich Irritierende waren die Begrüßungen am Textanfang, die auf mich unangenehm religiös wirkten.
Nachdem ich das Buch „Der Pfad der Wandlung“ ein zweites Mal in die Hand nahm, begann ich zu spüren, wie sich die Texte an ihren Inhalt anschmiegten. Meinem Eindruck nach sind die Texte aus der Perspektive des erfahrenden Subjekts geschrieben. Nicht die Logik des Unbewußten, wie bei Freud und Reich, war die Intension des Textes, sondern das Erleben der seelischen Prozesse und der daraus resultierenden, möglichen Erfahrungen.

In den ersten Jahren hielt ich die Texte für eine Anleitung zur Psychotherapie. Nachdem ich mich lange Jahre mit anderen Themen beschäftigt hatte, erschienen sie mir später als spirituelle Texte, die mich an die Arbeitsweise der tibetisch-buddhistische Ethik erinnerten.

Doch anders als in vielen ‚spirituellen‘ Texten, die ich zwischendurch gelesen hatte, wurde mir ein spezifisches Merkmal deutlich: das Ziel ist weniger eine – wie auch immer gemeinte – Glückseligkeit oder Erleuchtung, eher ein Ankommen in dieser Welt.

Es geht im Wesentlichen um die Zuwendung zu und das Durchleben des Negativen, um das Hindurchgehen. Durch diese innere Bewegung erlebte ich eine tiefere Veränderung als durch meine Orientierung an der buddhistischer Ethik.
Für die Perspektive der Lesungen ist die Vorstellung, Negatives und Positives existierten im Widerstreit zueinander, selbst Ausdruck eines Missverständnisses. Diese Vorstellung wird als Ausdruck einer dualistischen, dem Irrtum verhafteten Weltanschauung angesehen.

Ich wurde nicht ehrlicher, ‚guter‘ und an allen möglichen Sprüchen und Phrasen reicher (eher ärmer). Ich wurde leichter, spontaner, oft irritierter und spürte eine stärkere Bereitschaft zur Akzeptanz von Angst, Überraschung und Ahnungslosigkeit – also Eigenschaften, die dem Status Quo nicht entsprechen. Gleichzeitig entwickelte ich mehr Mut, zu mir zu stehen statt mich zu verbergen oder dem Mainstream anzupassen.
Die Texte wirken wie eine starke Akzeptanz dessen was in mir ist und die ‚Erleuchtung‘ und der ‚gute Mensch‘ sind eher ein willkommenes ‚Abfallprodukt‘, eine Art ‚seelisch-spiritueller Appendix‘ dieser Selbstakzeptanz.
Das Resultat ist ein ehrliches Lebens ohne die ‚Korrekturen‘, die auf Übereinstimmung mit einer erwarteten Meinung zielen.

Die Arbeit mit den Lesungen kann ich für mich allein machen, doch ist es oft hilfreich sich mit anderen Menschen auszutauschen. Bedingung des Verstehens ist, das ich die Texte fühle, spüre und bereit bin unangenehme Wahrheiten über mich zu erfahren!
Entsprechend dem Symbol der Core-Energetik, der Spirale, scheinen sich die Themen zu wiederholen. Das ist ein Irrtum. Themen werden erneut angesprochen wenn der Leser sich entwickelt, ein fortgeschritteneres Verständnis hat. Dann führt das scheinbar gleiche Thema zu einer veränderten Antwort weil der innere Raum des Lesers anders in Resonanz mit ihnen gehen kann.

Frithjof Helm, 04.03.2025